Komplex Sprache

 

Der Legasthenie, Leseschwäche und auch der Logopädie wird in unserer Zeit breiter Raum gewährt.

 

Unzählige Bücher, Ratgeber und Internetseiten zeugen davon. LogopädInnen besuchen unsere Schulen und Kindergärten (was absolut gut und richtig ist).

Der Besucher unserer Seiten möge daher Verständnis zeigen, wenn wir uns etwas ausführlicher der mathematischen Seite unserer Kinder zuwenden.

 

Das bedeutet nicht, dass wir dieser Sache gegenüber un- oder gar abgeneigt sind. Einzig es ist ein Zeitproblem, die Materie entsprechend aufzubereiten.

 

Wenn ihr Anregungen und Tipps habt, wie wir die Eltern unterstützen können, lasst es uns wissen.

 

Sprechen - Lesen - Schreiben

aus: Über die Dummheit (Horst Geyer, 1984)

 

Die Erfahrung beim Sprechen lernenden Kind zeigt, dass es eine zeitliche Dissoziierung zwischen Sprachverständnis (ist früher da) und Sprechenkönnens (kommt später – Einzelworte ab dem 10. Lebensmonat, semantisches Sprechen ab ca. 18. Lebensmonat).

Dieses Verhalten lässt vermuten, dass hier verschiedene Einflüsse zusammenkommen müssen, bis der Gesamtkomplex der Ausdrucksfunktion „Sprache“ – Sprechen, Verstehen, Schrift- und Lesesprache – fertig ist.

Neuropathologische Untersuchungen haben gezeigt, dass die im Einzelnen aufgezählten Teilfunktionen in voneinander getrennt liegenden Hirnrindenzentren zugeordnet sind, die sich räumlich und auch zeitlich unabhängig voneinander entwickeln und die daher auch unabhängig voneinander ausfallen können.

Im Groben:

  • Die sensorische Aphasie, die Unfähigkeit, gesprochene Worte zu verstehen, obwohl sie gehört werden. Der normale Mensch ist etwa gegenüber einer nicht beherrschten Fremdsprache quasi sensorisch aphasisch. Das Kleinkind zunächst gegenüber seiner Muttersprache.
  • Die motorische Aphasie, die Unfähigkeit, (trotz intakter Sprachwerkzeuge wie Zunge, …) verständlich zu sprechen. Der Normalbürger kennt dieses Versagen in schweren Rauschzuständen.
  • Die Agraphie, die Unfähigkeit, sinnvolle Worte zu schreiben. Die Kenntnisse der einzelnen Buchstaben ist hierbei nach wie vor vorhanden, ebenso die Lesefähigkeit.
  • Die Alexie, die Unfähigkeit, Schriften zu lesen, trotz erhaltener Schreibfähigkeit.

 

Die Dissoziierung zwischen Schreib- und Lesefähigkeit, die auf getrennten Anlagen und unterschiedlicher Übbarkeit der entsprechenden Zentren beruht, kennen ältere Erwachsene noch von der Zeit, wo sie Kurzschrift gelernt haben. Während das Stenographieren gut funktionierte hatten sie mitunter große Probleme beim Wiederlesen des Selbstgeschriebenen.

 

Schwächen und Ausfälle einzelner Funktionen sind daher unterschiedlich zu beurteilen.

Die Unfähigkeit, zur Zeit richtig sprechen zu lernen, schon die Verzögerung des verständlichen Sprechens um ein bis zwei Jahre bedeutet ein bedenkliches Zurückbleiben der allgemeinen intellektuellen Entwicklung.

Gering-gradigere Ausfälle oder rudimentäre Ausfallserscheinungen (exogen oder anlagemäßig entstanden) können heute gut behandelt werden und führen oft zu einer normalen Entwicklung.

Die Logopädie steht hier hilfreich zur Seite!

 

Sehr viel weniger bekannt, weil auch weniger auffällig, ist eine leichte Agraphie bei Kindern. Bei der hinter der schlechten Handschrift von Kindern steckenden Ursache handelt es sich häufig um organische Mangelleistungen. Die Kinder  können  trotz bestem Willen nicht leserlich, flüssig oder sauber schreiben. Bestenfalls für kurze Zeit „kalligraphisch“ schön.

Man sollte diese Kinder nicht mit Schreibnachhilfestunden oder Schönschreibübungen quälen. Das hilft alles nichts: dadurch ist noch nie eine schlechte Handschrift gebessert worden, da es sich um dysgrafische Störungen im Hirn handelt.

 

Vielmehr Aufmerksamkeit als dem Schönschreiben solltet ihr den leichten Formen der Alexie widmen. Schwierigkeiten Buchstaben zu erkennen sowie Schwierigkeiten beim Lesen verdienen eine entschieden größere Aufmerksamkeit.

 

 

Buchtipp:

Oliver Sacks beschreibt in seinem zwanglos-anekdotisch geschriebenen Buch Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte (1985) verschiedene Fallbeispiele neuropsychotischer Störungen.